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Peter Bieri: Wie wäre es, gebildet zu sein?

Komplett Media, 2017, 96 Seiten

Es war der Rektor des Jesuiten-Kollegs Innsbruck, der mir dieses Buch – aufgrund des Umfangs müsste man fast sagen: Büchlein – anlässlich unseres Zusammentreffens am Rande des heurigen Europäischen Forum Alpbach zum Geschenk machte. Ein passender Ort, ein passender Anlass für genau dieses Buch. Und auch sehr passend zum Schenkenden, denn Christian Marte versteht es ebenso wie Peter Bieri klar, konkret, ja im besten Sinne prägnant zu formulieren.

Ein so vielfältiges Thema wie Bildung derart kompakt auf den Punkt zu bringen, erfordert in der Tat eine umfassende und gründliche Analyse, gleichzeitig viel Verständnis für die Sache und Entscheidungsfreude im Prozess der Synthese.

Auf den Punkt gebracht

Peter Bieri stellt all das unter Beweis, indem er klar herausarbeitet, welche Aspekte Bildung haben kann, welchen Zwecken sie dienen kann, wie man sich ihr annähern kann. Und so strukturiert er dann auch sein Buch: Bildung als Weltorientierung, Aufklärung, historisches Bewusstsein, als Artikuliertheit, Selbsterkenntnis, Selbstbestimmung, als moralische Sensibilität (nur EIN Aspekt!) und schließlich poetische Erfahrung.

Wieder ganz analytisch unterscheidet Bieri Wissen erster und zweiter Ordnung, um sogleich zu erklären: „Wissen zweiter Ordnung bewahrt uns davor Opfer von Aberglauben zu werden. Wann macht ein Ereignis ein anderes wahrscheinlich? Was ist ein Gesetz im Unterschied zu einer zufälligen Korrelation?“. Er stellt in diesem Zusammenhang also Fragen von aktuell größter gesellschaftlicher Relevanz, denn er ergänzt: „Das müssen wir wissen, wenn wir ein Risiko abschätzen und uns ein Urteil über all die Vorhersagen bilden wollen, mit denen wir bombardiert werden.“

Bildung schützt vor Weisheit nicht

Er plädiert in dem Sinne für eine „gesunde Skepsis“ gegen Heilsversprechungen der Wirtschaft und Wissenschaft genauso wie gegenüber allzu platter politischer Botschaften. Und sieht auch hier Bildung quasi als Voraussetzung und Herausforderung gleichzeitig. Aus seiner Sicht ist sie nämlich „subversiv und gefährlich was Weltanschauung und Ideologie angeht, denn sie bringt das Bewusstsein der Kontingenz und somit der Relativität einer jeden Lebensform an die Oberfläche.“ Insofern fordert Bildung immer wieder zur Reflexion auf und immunisiert dabei zwangsläufig gegen blinden Fanatismus.

Letztlich finden sich in Bieris Betrachtungen auch Denkanstöße in Bezug auf die Diskussionen rund um Identitätspolitik, die gerade en vogue sind. „[Der Gebildete] ist einer, dessen Selbstbild reflektiert ist und mit skeptischer Wachheit in der Schwebe gehalten werden kann. Einer, der um seine innere Vielfalt weiß und der zu unterscheiden versteht zwischen der Identität, die er aufbaut, um seiner sozialen Rolle zu genügen, und der brüchigen inneren Vielfalt, die den Gedanken Lügen straft, wir hätten eine eindeutige kompakte Identität.“ Folgt man also Peter Bieri, so kann man festhalten, dass Bildung wesentlich zu Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung beiträgt, dabei unterstützt, die eigene Freiheit und Verantwortung in Balance zu halten und einen damit immer wieder befähigt, ermächtigt und gleichsam auffordert, im besten Sinne Bürger bzw. Bürgerin zu sein.

Verstehen wie man versteht

Bieri beschreibt Bildung als poetische Erfahrung, es ist die Rede vom „Glück beim Lesen eines Buchs, das einen historischen Korridor öffnet oder [der] beglückende[n] Erfahrung eine neue Sprache für das geistige Erleben zu lernen …“. An die Sprache knüpft er nun seine Überlegungen zur Vielfalt des Verstehens. Er stellt die Sprache der Wissenschaft der Sprache der Literatur gegenüber und erläutert was sie im Sinne der Bildung (Unterschiedliches!) zu leisten vermögen. Um die Welt zu verstehen, brauche es somit beide Sprachen, beide Zugänge und auch das Wissen darum wie sie eben genau „funktionieren“.

Mit all seinen Betrachtungen macht Philosoph und Philologe Bieri letztlich ungemein viel Lust auf Bildung im umfassenden Sinne, letztlich darauf, gebildet zu sein. Denn: „Der Gebildete ist einer, der ein möglichst breites und tiefes Verständnis der vielen Möglichkeiten hat, ein menschliches Leben zu leben.“ Und das sind ja wirklich gute Aussichten.

Eine Ausrede, dieses Büchlein zu lesen, gibt es eigentlich nicht: Es beansprucht nämlich wirklich wenig Platz und Zeit und bietet gleichzeitig eine ganze Menge an Einsicht und Erkenntnis. Viel Freude damit!

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