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Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und wie wir miteinander umgehen

Verlag Antje Kunstmann, 2017, 192 Seiten

Wie kann dieses Buch, dieser Titel, gerade jetzt so aktuell sein, obwohl es lange vor dieser momentanen Krise entstanden ist? Vermutlich weil etwas dran ist an Axel Hackes Beobachtung, dass sich schon länger etwas verändert, etwas anbahnt in unserer Gesellschaft.

Das beschreibt er u.a. so: „Wir haben in vieler Hinsicht das Gefühl dafür verloren, was es bedeutet eine Gesellschaft zu sein, zusammenzugehören, sich auseinanderzusetzen, wir haben so oft kein Ideal mehr davon, was es bedeutet ein Bürger zu sein, wir sind getrieben von der technischen Entwicklung, von einer nötigen zur ständigen Selbstdarstellung, von diffusen Ängsten, die wir uns einerseits nicht eingestehen oder andererseits total übertreiben, wir sind hysterisch, wo wir nüchtern sein müssen, und unaufmerksam, wo wir wachsam sein sollten.“

Nicht nur der Titel spricht an – der Autor spricht den Leser, die Leserin auch immer wieder direkt an in seinem inneren Monolog, seinem Gespräch mit sich selbst über die vielen Aspekte, Erscheinungsformen und Fragen des Anstands. Auf 192 Seiten (ohne Kapitel oder Zwischenüberschriften!) können wir teilhaben an den Gedanken von Axel Hacke, einem als Schriftsteller und Autor profunden Kenner von Mensch und Gesellschaft, und an seinen immer wieder eingestreuten Gesprächen mit einem Freund. Er bindet damit seine schriftlichen Ausflüge in Geschichte und Zukunft immer wieder an die Gegenwart an, liefert für abstrakte Betrachtungen auch immer wieder konkrete Beispiele.

In seinen Ausführungen greift er zurück auf Erkenntnisse der Anthropologie und Philosophie, der Soziologie und Psychologie und bemüht dabei „Klassiker“ wie Knigge, Kant und Kästner ebenso wie zeitgenössische Autorinnen und Autoren. Das Buch kommt natürlich nicht aus ohne Erwähnungen von Trump und Putin, ohne Bezüge zu Migration, Ökologie oder die Tragödie des Holocaust, setzt sich gleichermaßen aber auch schon mit den heute umso aktuelleren Verschwörungstheorien auseinander.

„Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ ist weder klassischer Ratgeber noch wissenschaftliche Abhandlung und liefert keine einfachen Lösungen, umso mehr ist es eine Einladung zum genauen und ständigen Reflektieren – des eigenen Erlebens ebenso wie des eigenen Denkens und Tuns. Und eine Aufforderung selber immer wieder aufs Neue einen Beitrag zu leisten, zu einem angemessenen und im besten Sinne des Wortes menschenwürdigen Umgang miteinander. Im Sinn von Knigge bürgerliche Tugenden zu leben, sich Moral und Weltklugheit zu eigen zu machen, sie zu leben. Das ist heute vermutlich um einiges herausordernder als noch im Erscheinungsjahr des Buches, dafür umso wichtiger.

Am Ende seiner Ausführungen macht Axel Hacke nochmal recht deutlich, worum es ihm geht, wenn er mehr einfordert: nämlich immer wieder „hinter [uns] zu lassen, was in anderen Jahrtausenden wichtig war, jetzt aber nicht mehr ist“, hinauszuwachsen über unsere „default settings“ –  unsere Instinkte, unmittelbaren Gefühle, unsere Bequemlichkeit etwa – und uns anderen Menschen aus einer inneren Freiheit heraus und aus vollem Herzen zuzuwenden. Und zwar besonders jenen, die anders denken und leben als wir. Mit Rücksicht und Respekt, Wohlwollen und Freundlichkeit. Ganz im Kant’schen Sinne „Teilnehmen am Schicksal anderer Menschen“ bricht Hacke eine Lanze für Empathie und Dialogfähigkeit. Anstand dieser Art zu praktizieren sei „eine Sache jedes Einzelnen und damit eine Sache von uns allen.“

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