Themen-ImageWolfgang Schäuble: Grenzerfahrungen.

Wolfgang Schäuble: Grenzerfahrungen.

Siedler Verlag, 2021, 320 Seiten.

Am Sonntag, 26. September 2021 wurde in Deutschland gewählt. Wie bei jeder Wahl werden neue Menschen in den Bundestag einziehen. Es hat aber auch einer 2021 wieder kandidiert, der seit 1972 den Wahlkreis Offenburg direkt im Parlament vertritt: Wolfgang Schäuble, derzeit Präsident des deutschen Bundestages. Er war in seiner langjährigen Laufbahn sowohl Fraktionsvorsitzender als auch Vorsitzender der CDU Deutschlands und u.a. Bundesinnen- und Bundesfinanzminister. In seinem so vielfältigen politischen Leben, das auch persönlich von Höhen und Tiefen geprägt war – nicht zuletzt vom Attentat, das ihm seine schwere Behinderung beschert hat –, hat er also eine Reihe von Grenzerfahrungen gemacht. Sie geben jenem Buch den Titel, in dem er nach- und „vordenkt“ über große politische und gesellschaftliche Fragen.

„Es kann in der Demokratie keinen Exklusivitätsanspruch einer einzigen Denkrichtung geben […]“, formuliert Schäuble gleich im einleitenden Kapitel. Und nimmt sich selbst beim Wort, in dem er in diesem Buch mit unterschiedlichsten Denkerinnen und Denkern (die zumeist auch Gestalterinnen und Gestalter sind) ins Gespräch kommt. Darunter sind etwa der Politologe Ivan Krastev, die Publizistin und Beraterin Diana Kinnert, der grüne Vordenker Ralf Füks oder auch die ehemalige französische Verteidigungsministerin Sylvie Goulard.

Auseinandersetzung im besten Sinn

Seine „Bereitschaft zur Selbstreflexion“, seine „Lust an der kontroversen Debatte“ versteht Wolfgang Schäuble damit auch als Beitrag zu einer offenen Gesellschaft, in der sich Einschätzungen ändern, Fehler korrigiert werden dürfen und die damit „menschlicher als jede andere Ordnung“ ist.

Er habe die Erfahrung gemacht, schreibt der langjährige Volksvertreter, dass Menschen vor allem dann glücklich seien, wenn sie ernst genommen würden – und zwar in ihren Bedürfnissen und in ihrer Leistungsfähigkeit.

Ein wahrhaft Bürgerlicher

Diese Lebenserfahrung ist nicht zufällig im Einklang auch mit Schäubles Werthaltungen: „Der Staat muss denen, die einen besonderen Willen zur Veränderung haben, die nötigen Freiräume geben. Davon können wir alle profitieren und das macht die Freiheit der Bürgergesellschaft aus.“ Freiheit und Verantwortung in Balance bringen und halten, den Menschen in den Mittelpunkt stellen, individuelle Entfaltung ermöglichen und dabei das Gemeinwohl im Blick haben, das sind zutiefst bürgerliche Überzeugungen. Wolfgang Schäuble bringt Grundsätzliches wunderbar auf den Punkt, illustriert es mit mannigfaltigen Beispielen aus Politik und Privatleben und argumentiert seinen Standpunkt beredt und gleichzeitig reflektiert in den einzelnen Gesprächen.

Der Mensch im Mittelpunkt

Nicht nur als bürgerlicher, auch als christlicher Politiker weiß Schäuble um die unantastbare Würde des Menschen, damit um seine Besonderheit, aber auch um seine Begrenztheit. Immer wieder kommen Menschen in scheinbar ausweglose Situationen, erleben Abgründe, stehen an Weggabelungen. Anhand seiner eigenen Vita macht er im Buch spürbar, wie wichtig ein solides Wertefundament und tiefe Überzeugungen gerade in solchen Situationen sind.

Und er zeigt auf, welche Grenzerfahrungen wir auch als Gesellschaft immer wieder machen. Tiefgreifende Umwälzungen wie die Digitalisierung, globale Herausforderungen wie der Klimawandel, überraschende Krisen wie die Corona-Pandemie oder große gesellschaftspolitische Fragen wie etwa jene rund um ein Sterben in Würde fordern uns heraus und fordern uns auf, stets neue Vereinbarungen über unser Zusammenleben zu treffen.

In den einzelnen Kapiteln des Buches werden daher wesentliche Fragen unserer Zeit behandelt: Es geht um nachhaltiges Wirtschafen in Zeiten der Globalisierung ebenso wie um westliche Werte und unsere Verantwortung in der Welt. Wolfgang Schäuble versucht mit seinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern erste Antworten und lädt Leserinnen und Leser umso mehr ein, miteinzusteigen ins Gestalten einer stets ungewissen, aber immer gestaltbaren Zukunft. „Gegenwart zeichnet aus, dass sie nicht entschieden ist. Insofern kann man etwas daraus machen“, formuliert es im abschließenden Gespräch etwa Diana Kinnert. Damit dieses Gestalten gelingt, wird es für uns alle notwendig sein, die eine oder andere Grenze – wenn auch nur im Kopf – zu überwinden.

Auch dazu macht dieses Buch Mut - und diesen Mut wünsche ich dir heute!

Liebe Grüße,
Bettina

PS: Grundsätzliche Fragen und die Suche nach bürgerlichen Antworten prägen auch das neue Programm der Politischen Akademie - ich freue mich, wenn du bei der einen oder anderen Gelegenheit mit dabei bist. Alle Infos hier.

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