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Florian Aigner: Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl

Christian Brandstätter Verlag, 2020, 256 Seiten

Warum ich es gerade jetzt aufgeblättert habe, ist einfach gesagt: Durch die Corona-Pandemie war die Naturwissenschaft - von Medizin über Genetik bis zu Mathematik und Statistik - so präsent wie ich es noch nie erlebt habe.

Zum Start hier eine kurze Leseprobe: „Niemand würde in der Öffentlichkeit gerne zugeben, beim Lernen von Fremdsprachen immer spektakulär gescheitert zu sein. Niemand würde Musik für nutzlos und langweilig erklären, nur weil er als Kind bei verzweifelt quietschenden Blockflötenversuchen böse Erfahrungen gemacht hat. Wenn aber jemand grinsend erzählt, er verstehe nichts von Physik, habe keine Ahnung von Mathematik und traue sich ohne Unterstützung seines Steuerberaters nicht zu, fünfstellige Zahlen zu addieren, kann er das als charmante Eigenheit durchgehen lassen.“

Von diesem Gedanken im letzten Kapitel von Florian Aigners so eingängigem Plädoyer für die (Natur-)Wissenschaft fühle ich mich richtiggehend ertappt. Als Absolventin eines humanistischen Gymnasiums, die sich tatsächlich mit Mathematik immer wieder schwer tat, und als Absolventin sozial- und geisteswissenschaftlicher Studien waren für mich die Geschichte, die Arbeit und die Errungenschaften der Naturwissenschaften lange Zeit eher unbekanntes Terrain – und eines auf das ich mich nur sehr vorsichtig bewegte.

Florian Aigner ist ein idealer „Tour Guide“ auf dieser Reise ins Unbekannte, ins Neuland. Denn er nimmt Mathematik, Physik und Co. nicht nur ihren vermeintlichen Schrecken, er macht sogar Lust, sie besser zu verstehen. Das Buch ist in dem Sinne ein ideales „Guide Book“: Es liefert Daten und Fakten zu wissenschaftlichen Disziplinen und Errungenschaften - oftmals verpackt in historischen Anekdoten. Geschichten über „schwelbe (Sic!) Raben“ oder darüber wie man „unendlich viele Gäste in einem voll belegten Hotel“ unterbringen kann, sorgen dafür, dass man sich auch gut merken kann, was der Wissenschaftler und Publizist vermitteln will. Dabei stellt der Autor auch immer wieder Bezüge zur Gegenwart her. Er zeigt auf, was wir in unserem modernen Leben dem mitunter wagemutigen Denken und Tun von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verdanken, macht gleichzeitig aber auch klar, was Wissenschaft leisten kann und wo ihre Grenzen liegen. Wertvolle Einblicke nicht nur, aber auch in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, wo doch die Arbeitsweise und der „Output“ gerade medizinischer Forschung uns im Moment brennend interessieren. Und wo gleichzeitig Pseudowissenschaft und „Fake News“ Hochkonjunktur haben.

Eine Klarstellung im Buch halte ich gerade in Zeiten wie diesen für wesentlich: „Politik ist mehr als Umsetzen wissenschaftlicher Wahrheiten“, schreibt Florian Aigner auf Seite 237. Denn für die Abwägungen etwa zwischen Freiheit und Gerechtigkeit, Sicherheit und Bequemlichkeit gebe es kein Messgerät und letztlich auch keine mathematischen Formeln, um ideale Entscheidungen oder die beste Ideologie zu ermitteln. Vielmehr brauche es Wissenschaft UND Bauchgefühl, um gute Politik machen zu können.

Unter anderem damit macht Florian Aigner Mut und er fordert uns alle zum Mitmachen auf. „Wissenschaft ist das größte Abenteuer, das unser Universum je hervorgebracht hat“, sagt er und lädt uns ein, „ein Teil davon zu sein.“ Dafür „brauchen wir keine Messgeräte, wir müssen nur mit offenen Augen durch die Welt gehen. […] Wir müssen dafür keine Genies sein, wir müssen nur Menschen sein, miteinander reden und ein bisschen nachdenken.“ Damit schließt sich wieder einmal der Kreis auch zu meiner Aufgabe an der Politischen Akademie, wo ich immer wieder Türöffnerin sein darf für neue Menschen und neue Ideen, wo wir Raum für Austausch und Diskurs schaffen können und wo wir Menschen dabei begleiten, die Welt besser zu verstehen.

„Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl“ ist ein durch und durch positives Buch – getragen von der authentischen Begeisterung des Autors für seine Profession und von seinem Zutrauen und der Zuversicht, mit der er auf uns Menschen, „unsere“ Wissenschaft und damit unsere Zukunft schaut.

Wer also wissen will,
- warum Perfektion in der Wissenschaft manchmal ziemlich nutzlos ist,
- wie man Planeten entdecken und verschwinden lassen kann (ganz ohne Zauberei),
- warum wir auf Omas Hustentee nicht vertrauen sollten, und
- warum wir uns trotz allem auf die Wissenschaft jetzt und in Zukunft verlassen können,
die oder der liest am besten dieses Buch.

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