Themen-ImageMai Thi Nguyen-Kim: Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit Wahr, falsch, plausibel? Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft.

Mai Thi Nguyen-Kim: Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit Wahr, falsch, plausibel? Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft.

Verlag Droemer HC, 2021, 368 Seiten

In meinem heutigen Buchtipp geht es um die Wissenschaft. Wir leben in Zeiten und Verhältnissen, die ganz stark von der Arbeit und den Erkenntnissen der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft geprägt sind. Und dabei denke ich nicht nur an das so vielschichtige Phänomen der Digitalisierung.

Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ja auch DIE Wissenschaft an sich stärker auch in den Fokus medialer Berichterstattung gerückt. Gleichzeitig haben Verschwörungstheorien und „Fake News“ Hochkonjunktur.

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In diesem Spannungsfeld arbeitet die promovierte Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim seit vielen Jahren. Auf ihrem mittlerweile 1,31 Millionen Mal abonnierten YouTube-Kanal „maiLab“ liefert sie seit über drei Jahren ansprechend aufbereitete wissenschaftliche Erklärungen zu Alltagsphänomenen.

Die große Bandbreite und Bezüge zu aktuellen (medialen) Diskussionen findet man auch in ihrem aktuellen Buch wieder:

Mai Thi Nguyen-Kim:
Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit
Wahr, falsch, plausibel? Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft.
Verlag Droemer HC, 2021, 368 Seiten
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Die Autorin greift darin große Themen und auch heiße Eisen auf und an: vom Gender Pay Gap bis zu Tierversuchen, von Homöopathie bis zum Noiseblast rund um Gewalt in Videospielen. Und sie räumt mit voreiligen Schlüssen, angeblicher wissenschaftlicher Evidenz und sonstigen gedanklichen Irrwegen auf.

Nicht weniger streiten, sondern besser

Nicht jede Frage, die sich die Autorin im Namen von Leserin bzw. Leser am Anfang der Kapitel stellt, kann letztendlich eindeutig beantwortet werden. So ist das eben, wenn man sauber wissenschaftlich argumentiert. Mai Thi Nguyen-Kim will mit ihrem Buch auch Verständnis dafür schaffen, wie Wissenschaft arbeitet, wie wir ihre Ergebnisse einordnen und einschätzen können, was sie „wert“ sind. Sie zeigt u.a. auf, welche Tricks es (warum) gibt, um zu rascheren und deutlicheren Aussagen zu kommen. Und sie macht deutlich, dass natürlich nicht nur getrickst wird, sondern dass es auch genug plausible Ergebnisse gibt, die uns als Menschheit auch weiterbringen. Und letztendlich erfährt man, was wissenschaftlicher Konsens bedeutet - und zwar nicht, dass der in Stein gemeißelt wäre.

„Der Unterschied zwischen Fake News und echter Information sowie zwischen valider Kritik und persönlichem Angriff liegt in der Sachlichkeit. Ohne ein Verständnis der Tatsachen können wir diese Unterscheidungen also nicht machen. Solange wir kein gemeinsames Verständnis haben, was wirklich Wirklichkeit ist, können wir also nicht richtig streiten“, schreibt die leidenschaftliche Wissenschaftskommunikatorin auf Seite 319 ihres Buches. Und will damit ermutigen, sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch in der öffentlichen Arena nicht weniger, jedenfalls aber besser zu streiten. In der Überzeugung, dass uns das gemeinsam weiterbringt.

Wissenschaftskommunikation at its best

Das vorliegende Buch ist durchaus umfassend, dennoch schnell, weil auch einfach, lesbar. Mai Thi Nguyen-Kim schafft es, ihren mitreißenden Stil aus den YouTube-Videos quasi ins Buch zu übertragen. Grafiken und Info-Kapitel zwischendurch runden das Leseerlebnis ab und liefern damit Extra-Infos, die man durchaus auch später nachschlagen kann.

Was mir persönlich Respekt abringt: Mai Thi Nguyen-Kim wurde im Pandemiejahr 2020 Mutter. Rund um diese ohnehin intensive Erfahrung hat sie aber weiterhin nicht nur ihre gefragten Videos auf YouTube produziert und ist Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft geworden, sondern hat auch dieses Buch geschrieben. Ihre persönliche „rush hour“ des Lebens hat sie gut gemeistert – und ist im Dienst an der Gesellschaft, auf den sie bei ihrem Studienabschluss sicher auch einen Eid geleistet hat, damit umso mehr ein Vorbild.

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