Themen-ImageKonrad Paul Liessmann: Alle Lust will Ewigkeit. Mitternächtliche Versuchungen.

Konrad Paul Liessmann: Alle Lust will Ewigkeit. Mitternächtliche Versuchungen.

Zsolnay Verlag, 2021, 320 Seiten

Vielleicht geht es dir ja wie mir: Das tägliche Klein-Klein, das Hick-Hack in den Medien wird mir hin und wieder zu viel. Und deshalb suche ich gerade beim Lesen nach Substanz, nach Entschleunigung, nach Grundlegendem … Bei Liessmann wird man da immer fündig. Und sein neuestes Werk ist wieder mal großartig.

Ja, man kann tatsächlich mit 12 Lied-Zeilen über 300 Seiten füllen. Nämlich indem man darüber im wahrsten und besten Sinne philosophiert. Ja, fast meditiert. Nur ist das kein Wort für Liessmann. Viel zu modern klingt es. Und er ist ja wahrlich kein (blinder) Verfechter zeitgeistiger Strömungen und Begriffe.

Aber er nimmt auf diese jedenfalls Bezug in diesem Buch, quasi beispielhaft auch auf ganz aktuelle Entwicklungen rund um die Pandemie. Denn letztlich ist alles, was wir so als Menschen erleben und tun ja immer von ganz Grundsätzlichem her erklärbar. Und man kann es zurückführen auf ganz zentrale Fragen des Menschseins.

Psychologische Philosophie?!

Und diesen geht Liessmann auf den Grund - ausgehend vom "Mitternachtslied" aus Also sprach Zarathustra. Dessen Autor Friedrich Nietzsche bezeichnet Liessmann als "den Psychologen unter den Philosophen" und damit oszillieren die Betrachtungen zum Text auch zwischen individual(psychologischer) und gesellschaftlicher (philosophischer) Ebene. Liessmann verbindet diese seine Gedanken ganz organisch und manchmal im Sinne eines Liedes sogar melodisch.

Man kann, wie es auch Micheal Köhlmeier in einem Kommentar zum Buch treffend formuliert hat, Konrad Paul Liessmann beim "lauten Denken" zuhören. Und das tut man gern, denn er offenbart dabei seine so wunderbar breite humanistische Bildung, indem er spielerisch Hinweise und Anleihen aus Literatur und Musik (von Wagner bis Goethe, von Parsifal bis Medea) nimmt, Bibelstellen und Papstenzykliken zitiert und von Kant bis Descartes, von Sokrates bis Hobbes Philosophen in großer Zahl zu Wort kommen lässt.

Eine intellektuelle Versuchung

"Mitternächtliche Versuchungen" lautet der Untertitel des Buches. Und damit man eine Versuchung wirklich genießen kann, muss man sich auf sie einlassen. Das gilt auch für dieses Werk: Es fordert einen auf, das Denken im besten Sinne zu verlangsamen, den Geist zu weiten, um tiefer zu tauchen in die "tiefe, tiefe Ewigkeit", die "tiefe, tiefe Mitternacht". Man wird dafür reich belohnt: mit der Einladung zum Nachdenken und Nachspüren und auch mit neuem (vernetzten) Wissen über viel mehr als "nur" die Philosophie, wenn das allein nicht schon genug wäre.

Liessmanns so umfassende, vielfältige, ja tiefe Analysen über Schmerz und Lust, über Tag und Nacht, über Leben und Tod regen jedenfalls dazu an, das eigene politische und kulturelle Selbstverständnis zu hinterfragen, zu schärfen und in dem Sinne so manch Oberflächliches dieser Tage neu einzuordnen, sich selbst in dieser Welt (immer wieder?) neu zu verorten.

In diesem Sinne wünsche ich viel Freude beim Nachdenken und Nachspüren!

Liebe Grüße,
Bettina


Konrad Paul Liessmann: Alle Lust will Ewigkeit. Mitternächtliche Versuchungen.

Zsolnay Verlag, 2021, 320 Seiten
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