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Frauenförderung 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts

September 2018, GuP

Gabriele Possanner Freiin von Ehrenthal war die erste Österreicherin mit Doktortitel. Im Jahr 1897 wurde sie zum Dr. med. univ. promoviert. Am 3. August 1915 legte die Wiener Hilfsarbeiterin Rosa Röschl als erste österreichische Frau die Kraftfahrzeuglenkerprüfung ab. Eines war diesen beiden höchst unterschiedlichen Frauen – die eine promovierte Medizinerin, die andere Hilfsarbeiterin mit Führerschein – gemein: Beide durften nicht wählen.

Ein Kommentar von Bettina Rausch

Im Zuge der bürgerlichen Revolution wurde die Frage des Wahlrechts für Frauen erstmals diskutiert. Die Idee hat sich aber (noch) nicht durchgesetzt. Bei der ersten demokratischen Parlamentswahl Österreichs – der Reichstagswahl 1848 – waren nur Männer wahlberechtigt. 50 Jahre nach der ersten freien Wahl, 19 Jahre nach der ersten Promotion einer Frau, drei Jahre nach der ersten Frau mit Führerschein war es dann in Österreich soweit: 1918 wurde das allgemeine Wahlrecht auch für Frauen eingeführt. Weniger bekannt und beachtet, aber ebenso wichtig: Bis dahin waren Frauen nämlich überhaupt von der Teilhabe an politischen Aktivitäten und vom Vereinswesen weitgehend ausgeschlossen. Was für uns heute selbstverständlich ist, war vor 150 Jahren noch eine Idee ohne Chance auf eine Mehrheit, wurde vor 100 Jahren in Österreich eingeführt und – um nur ein Beispiel zu nennen – in der Schweiz erst vor 47 Jahren für Bundeswahlen umgesetzt, im letzten schweizer Kanton gar erst vor 27 Jahren.

Volkspartei: Die Partei der „ersten Frauen“

Das Wahlrecht für Frauen ist das Eine, das Andere ist die tatsächliche Repräsentanz von Frauen in der Politik, vor allem in Führungspositionen. Es mag überraschen – Realität und Zuschreibung klaffen in diesem Thema offenbar auseinander –, dass die Volkspartei jene Partei war, in der das Selbstverständnis, dass Frauen politische Führungsfunktionen übernehmen können, schon früh ausgeprägt war. Es war die Volkspartei, die zum ersten Mal in Österreich eine Frau in eine Regierungsfunktion gebracht hat – nämliche Grete Rehor als erste Ministerin Österreichs im Regierungsteam von Bundeskanzler Josef Klaus (1966-1970). Die Christgewerkschafterin Grete Rehor hat als Bundesministerin für Soziale Verwaltung neben zahlreichen Sozialreformen vor allem ein modernes Arbeitsmarktförderungsgesetzt eingeführt.

Nach der ersten Ministerin hat die Volkspartei auch die erste Landtagspräsidentin (Johanna Preinstorfer, 1979 in Oberösterreich), die erste Nationalratspräsidentin (Marga Hubinek, 1986), die - sogar weltweit – erste Nationalbankpräsidentin (Maria Schaumayer, 1990) und die erste Landeshauptfrau (Waltraud Klasnic, 1996 in der Steiermark) gestellt. Und selbst diese Aufzählung ist nur beispielhaft und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Mit Fug und Recht kann man also sagen: Die Volkspartei ist die Partei der „ersten Frauen“.

Erfolgreiche Frauenförderung braucht persönliche Ansprache

Unbestritten ist aber auch, dass Frauen in politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Führungsfunktionen immer noch unterrepräsentiert sind. Umstritten ist allerdings die Frage, welche Maßnahmen zur Verbesserung gesetzt werden sollen. Es ist meine feste Überzeugung – begründet einerseits in Grundwerten wie Eigenverantwortung und Leistung, die uns in der Volkspartei einen und andererseits in meinen bisherigen persönlichen Erfahrungen –, dass die direkte Ansprache von Frauen und vor allem deren Motivation und Überzeugung der erfolgversprechendste Weg sind. Quotenregelungen können auf diesem Weg unterstützen, für sich alleine sind sie aber unzureichend.

Als ich Landesobfrau der Jungen Volkspartei Niederösterreich war, als erste Frau in dieser Funktion, war diese Organisationen in den Führungspositionen stark männlich dominiert und mir war es ein Anliegen, mehr Frauen zu motivieren, Obmannschaften zu übernehmen. Wir haben einen Vorbereitungslehrgang insbesondere für zukünftige Bezirksobleute ins Leben gerufen. Meine Überlegung war, durch gezielte Ansprache von Frauen für diesen Lehrgang in der Folge die Frauenquote in Führungsfunktionen zu verbessern. Das Ziel war, in diesem Lehrgang jedes Jahr mindestens ein Drittel, optimalerweise die Hälfte, als Teilnehmerinnen zu haben. Bei der direkten Ansprache potenzieller Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat sich dann der Geschlechterunterschied gezeigt, weitaus deutlicher, als ich das erwartet hatte: Nahezu jeder Mann, den ich zu diesem Lehrgang eingeladen habe, hat sofort zugesagt. Frauen hingegen haben überlegt, nachgefragt und oft auch abgesagt. Sie haben bezweifelt, ob sie für den Lehrgang tatsächlich geeignet sind. Sie haben hinterfragt, ob sie das zu erwartende Arbeitspensum bewältigen können. Und sie haben überlegt, ob sie überhaupt eine Führungsaufgabe übernehmen wollen. Männer haben sich diese Fragen selten gestellt. Immerhin, es sind uns Fortschritte gelungen. Das Beispiel zeigt aber, dass bei Frauen viel Überzeugungsarbeit notwendig ist.

Dabei halte ich das Ziel von mehr Frauen in Führungspositionen für keinen Selbstzweck und auch nicht für ein ausschließlich frauenpolitisches Anliegen. Vielmehr bin ich der Überzeugung, dass die Beteiligung von Frauen zu einer anderen und letztlich besseren Qualität der Arbeit und Ergebnisse führt. Viele Unternehmen haben das inzwischen erkannt. Diversity Management ist deshalb topaktuell, weil soziale Vielfalt – nicht nur geschlechtsbezogen – unter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenso wie unter Führungskräften im Sinne des Unternehmenserfolg nutzbar gemacht werden kann.

Zwei bekannte Beispiele demonstrieren, wie die mangelnde Einbindung von Frauen Entwicklungskosten neuer Produkte erhöht hat: Als die ersten Airbags entwickelt wurden, war die Autoindustrie fast ausschließlich männlich dominiert – von den Führungskräften über Techniker und Entwickler bis hin zu den Crashtest-Dummies. Erst im Echtbetrieb hat man erkannt, dass die Airbags nicht auf die durchschnittlich geringere Körpergröße von Frauen ausgerichtet waren, Neukonstruktionen und Umbauten wurden notwendig. Ähnlich war es bei der Entwicklung erster Spracherkennungssysteme: Da von den (männlichen) Beteiligten lange nur mit männlichen Stimmen und Frequenzen gearbeitet und getestet wurde, konnten die ersten Spracherkennungssystem weibliche Stimmen nur schlecht erkennen.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Klarerweise braucht Frauenförderung auch geeignete systemische Rahmenbedingungen. Ein Beispiel aus der politischen Sphäre zeigt, dass Systeme, die (vorwiegend) von Männern gestaltet wurden, typisch weibliche Herausforderungen schlicht nicht berücksichtigen: Unsere Wahlordnungen und parlamentarischen Geschäftsordnungen nehmen keinerlei Rücksicht darauf, dass eine aktive Politikerin schwanger werden könnte. Der einzige anerkannte Entschuldigungsgrund für Mandatarinnen und Mandatare ist Krankheit – ich halte es aber für unakzeptabel, Schwangerschaft, Geburt und Kinderbetreuung als Krankheit zu behandeln. Wenn wir wollen, dass in unseren Parlamente alle gesellschaftlichen Gruppen vertreten sind, insbesondere auch junge Frauen, dann müssen wir auch eine Lösung dafür finden, wenn sich Mandatarinnen ihren Kinderwunsch erfüllen wollen und nach der Geburt eine intensive Zeit mit dem Neugeborenen verbringen und unbeschwert genießen wollen. Daher habe ich vorgeschlagen, eine Karenzregelung für Politikerinnen einzuführen. Für bis zu zwölf Monate sollen Mandatarinnen freiwillig ihr Mandat an die oder den nächstgereihten auf der Wahlliste übertragen können, nach Ablauf der Zeit geht die Funktion automatisch wieder an die ursprüngliche Mandatarin über. Nebenbei bemerkt wünsche ich mir eine ähnliche Regelung auch für Politiker, die eine Väterkarenz in Anspruch nehmen wollen. Noch nie gab es soviel junge Frauen (und auch junge Männer) im Nationalrat wie seit der letzten Wahl im Oktober 2017. Diese erfreuliche Entwicklung macht eine Lösung für Schwangerschaft und Karenz umso dringlicher.

Seit der Einführung des Frauenwahlrechts hat sich Vieles verbessert. Ein wichtiger Meilenstein war sicher die Familienrechtsreform von 1975. Erst dadurch wurden Frauen und Männer rechtlich gleichgestellt, heute erscheint uns das zu Recht selbstverständlich. Dabei ist es erst seit damals so, dass Frauen ein Job ohne Zustimmung ihres Ehemanns annehmen, über den gemeinsamen Wohnsitz mitentscheiden oder einen Passantrag für ihr Kind unterschreiben dürfen.

Aktuell halte ich die weitere Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die wichtigste Herausforderung zur Frauenförderung. So sehr uns Kinder ein gesellschaftliches Anliegen sind, so sehr stellen sie für Frauen immer noch eine Einschränkung beruflicher Aufstiegsmöglichkeiten dar. Eine kürzlich (2017) erstellte Studie von Agenda Austria weist aus, dass Mutterschaft alleine einen Lohnverlust von sechs Prozent im mittleren Einkommensbereich bedeutet. Den Rückstand, den Frauen während ihrer Laufbahn in jüngeren Jahren erfahren, holen sie nicht mehr auf.

Mit den je nach beruflicher Situation flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten des Kinderbetreuungsgeldes und jüngst der Einführung des Familienbonus plus haben wir wichtige Verbesserungen der finanziellen Aspekte erreicht. Auch der laufende Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten – von der schulischen Nachmittagsbetreuung über ganztägige Betreuung in Kindergärten bis hin zum aktuellen Schwerpunkt des Ausbaus der Angebote für unter dreijährige Kinder – geht es in die richtige Richtung.

Ich möchte zum Abschluss noch zwei mir persönliche wichtige grundsätzliche Gedanken ansprechen.

Freiwilligkeit und Wahlfreiheit müssen aus meiner Sicht immer gewährleistet sein. Weder will ich Frauen in Führungspositionen zwingen, noch will ich Frauen (oder Männer), die sich entscheiden, sich Vollzeit um ihre Kinder zu kümmern, dafür kritisieren. Echte Wahlfreiheit bedeutet aber natürlich, dass man wirklich die Wahl hat – das sicherzustellen ist Aufgabe der Politik. Mehr als alle Gesetze und Vorschriften kann die gesellschaftliche Einstellung bewirken. Daran zu arbeiten kann meiner Überzeugung nach die größte Wirkung entfalten – vom Selbstbewusstsein von Frauen, sich auch Führungspositionen zuzutrauen bis hin zum Bewusstsein, dass es viele vermeintliche Kleinigkeiten sind, die für Frauen oft noch Hindernisse darstellen.

Derzeit beobachte ich in meinem Umfeld einen deutlichen Trend zur Väterkarenz. Waren vor wenigen Jahren Männer am Kinderspielplatz noch Anlass für überraschte Blicke und ungläubiges Getuschel, entwickelt sich heute eine neue Selbstverständlichkeit bis hin zu einem (positiven) gesellschaftlichen Druck, dass auch Väter in Karenz gehen sollen. Entwicklungen wie diese stimmen mich positiv.

Bettina Rausch ist Präsidentin der Politischen Akademie der Volkspartei und Mutter einer 21 Monate alten Tochter.

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