Von der Kultivierung der Friedfertigkeit

Bürgerliche Impulse zum Thema Lebensart am 16.3. in Salzburg.

Was bedeutet es heute bürgerlich zu sein und was können wir daraus für eine werteorientierte Politik lernen? Mit dieser Leitfrage im Gepäck startete die Politische Akademie die Veranstaltungsreihe „Bürgerliche Impulse“ am 16. März in Salzburg. In der Festspielstadt diskutierten Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer, Akademie-Präsidentin und Nationalratsabgeordnete Bettina Rausch, Univ.-Prof. Reinhard Heinisch, Publizistin Diana Kinnert und Künstler Serge Falk darüber, was ein bürgerliches Leben ausmacht.

Auf Spurensuche

Sich auf die Spuren des Bürgerlichen zu begeben, so erklärte Bettina Rausch, Präsidentin der Politischen Akademie und Nationalratsabgeordnete, in ihrer Einleitung, sei das Ziel der Veranstaltungsreihe „Bürgerliche Impulse“. Diese, so führte Rausch weiter aus, fände in einer Zeit statt in der sie von Ereignissen sprechen müsse, die sie – und sicherlich auch viele andere – bis vor kurzem noch für unvorstellbar gehalten habe: Krieg in der Ukraine, Krieg in Europa. Und doch sei es gerade deshalb wichtig, sich gerade jetzt mit diesen Fragen auseinander zu setzen. „Denn es ist auch eine zentrale Frage für die Erhaltung des Friedens in liberalen Demokratien, sich damit auseinander zu setzen, wie der einzelne sich in die Gesellschaft einbringen kann“ so Rausch. Schließlich sei der Krieg in der Ukraine auch ein Wettstreit verschiedener Wertevorstellungen und politischer Systeme.

Ohne Haltung ist die Form nichts wert

Besteht das Bürgerliche heute aus mehr als (Status-)Symbolen oder geht es hier vielmehr um eine Haltung zum Leben? In wie weit ist Bürgerlich noch zeitgemäß und schafft es als Begriff noch Identität zu stiften und Lebensrealität abzubilden? Mit dieser Frage startete der Politikwissenschaftler Univ.-Prof. Reinhard Heinisch, der als Host durch die Diskussion führte.

Salzburg sei ein sehr bürgerliches Land, das sehr vom Barock geprägt ist. Und zwar auf Grund der Erkenntnis, dass Form und Inhalt eine Einheit bilden. Form ohne Inhalt sei sinnlos und Inhalt, der nicht in die richtige Form gebracht würde entfalte keine Kraft. „Der Begriff Bürgerlich verbindet beides – Form und Inhalt“ führte der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer aus. Am Beispiel des Ehrenamts in Salzburg machte er diese These konkreter: „Die Sicherheitsarchitektur in unserm Land beruht auf Ehrenamt und Freiwilligkeit.“ Dies habe seine Wurzeln vor allem in der Haltung der Menschen: Teil einer Gemeinschaft zu sein und sich sinnstiftend für und in diese Gemeinschaft einzubringen. Denn Bürgerliche würden nicht dem Bevormundungsstaat das Wort reden, sondern selbst gestaltend aktiv sein. Diese Haltung – also der Inhalt – fände in der für Salzburg so zentralen Säule des Ehrenamts ganz intensiv seinen Ausdruck und entfalte darüber Bedeutung. Sowohl für die ehrenamtlich Tätigen, die darüber Sinn erführen als auch für die Gemeinschaft, für die so zentrale Leistungen erbracht werden könnten.

Keine Scham vor der eigenen Gestaltungsmacht

Die CDU-Politikerin, Publizistin und Unternehmerin Diana Kinnert hat für sich zunächst einen deskriptiven Zugang zum Begriff Bürgerlich gefunden. Damit würde ein Teil der Gesellschaft, der wohl auch mit vielen Privilegien ausgestattet sei, beschrieben und dieser mit Werthaltungen, Tugenden aber auch materielle Zuschreibungen verbunden. Kritisch sieht Kinnert Entwicklungen wie Cancel Culture. Dabei erhebe sich eine Generation selbst zum Maßstab und radiere alles aus, was nicht den eigenen Maßstäben von Moral entspräche. Gerade in diesem Zusammenhang schätze sie die Reflexionsfähigkeit des Bürgerlichen. Bürgerliche würden sich Zeit nehmen um neue Entwicklungen einzuordnen anstatt sie reflexartig nachzuvollziehen. Dazu gehöre für sie auch die Kultivierung der Friedfertigkeit, mit der eine bürgerliche Mitte pluralistische und lebendige Demokratien und die darin so notwendigen Räume für eine gepflegte Streitkultur stabilisiert. Sich selbst als bürgerlich zu fühlen beinhaltet für Kinnert nicht nur ein gewisses Selbstverständnis Teil einer Gemeinschaft zu sein, sondern insbesondere auch die Ermächtigung zur Gestaltung dieser Gemeinschaft. Das löse mittlerweile bei vielen, die sich selbst als bürgerlich begreifen eine gewisse Scham aus, da ihnen bewusst wäre dass es viele Menschen in der Gesellschaft gibt, die glauben eben gerade nicht zu jener Gesellschaft zu gehören, in der sie leben.

Die Kraftanstrengung der Verständigung

Der belgisch-österreichische Schauspieler, Kabarettist, Chansonnier, Drehbuchautor und Romy-Preisträger Serge Falk brach aus der Sicht des Theaters eine Lanze für das bürgerliche Publikum: Gerade sie wären offen für Themen und Perspektiven, die das eigene Lebensmodell kritisch hinterfragen würden. Bürgerliche würden sich diesen ‚Angriffen‘ aussetzen und zeigten damit eine Offenheit, die ihnen oft zu Unrecht abgesprochen würde. Falck sah darin eine Kraftanstrengung andere Meinungen mit dem Ziel der Verständigung zu verstehen. Dafür brauche es Ermutigung.

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